Sonntag, 4. November 2007

Spannende Pfade - Die Kampot Provinz

Ich hatte noch gut zwei Wochen Zeit, bevor ich mein Praktikum in Bangladesch antreten musste. Mir war klar, dass ich mein angestrebtes Reiseendziel Hanoi in dieser Zeit nie erreichen könnte, solang ich meine bisherige Regel, mich nur mit Bus, Bahn und zu Fuß fortzubewegen, weiter einhielt. Ich wollte aber zumindest in dieser Zeit bis nach Saigon kommen. Deshalb entschloss ich mich, von Sihanoukville aus nach Osten in Richtung vietnamesische Grenze vorzustoßen. Bis dahin waren es aber noch weit über hundert Kilometer.
Mein nächstes Ziel war die Grenzprovinz Kampot mit der gleichnahmigen Hauptstadt. Da keine Busse in diese Richtung verkehren (ich verließ also zweifelsohne festgefahrene Touristenwege) entschied ich mich für ein "shared taxi" von Sihanoukville aus. Als der heruntergewirtschaftete Toyota-Fünftürer am morgen vor meinem Ghuest House stand, sah alles noch prächtig aus. Ich nahm auf dem Beifahrersitzplatz und wir fuhren Richtung Innenstadt. Nach vier weiteren Stopps saß ich allerdings wieder hinten (da ich keinen Aufpreis von 100% zahlen wollte) auf der Rückbank mit drei Frauen und einem Mädchen. Insgesamt hatten es die Kambodschaner geschafft, 10 Menschen in diesen kleinen Toyota zu pressen, sieben Erwachsene und drei nicht mehr allzu kleine Mädchen. Damit war der Begriff "shared taxi" bis an die Grenzen ausgereizt.
Vor uns standen jetzt eineinhalb Stunden Fart in dieser Konservenbüchse. Wenn ich mir ansah, wie der Fahrer, eingekeilt zwischen Fensterscheibe und Armaturenbrett, versuchte, beim Fahren das Lenkrad nicht zu blockieren, wurde mir schwindlig. Schnell richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder hinaus aus dem Fenster auf die schöne Landschaft.
Wir fuhren in einer beeindruckenden weitläufigen Ebene, rechts von uns irgendwo das Meer, links nicht weit eine Gebirgskette. Die Fahrt verlief glücklicherweise ohne Zwischenfälle, was vielleicht auch dem quasi nicht vorhanden Verkehr zu verdanken war. Nur selten kam ein Auto entgegen, manchmal überholten wir einige uralte Traktoren oder Ochsengespanne, hin und wieder ein paar Fahrräder und Mofas.





Am Ende der Fahrt ließ ich mich in Kampot bei einem Hotel absetzen, das ich aus den Tiefen des Lonely Planet gegraben hatte. In Kampot war scheinbar nichts los, in dem Hotel noch weniger. Fast alle Zimmer waren frei und ich suchte mir das Beste heraus. Je weniger los ist, desto aufdringlicher sind leider aus verständlichen gründen diejenigen, die mit den Reisenden Geld machen wollen. Bevor ich in mein Zimmer durfte, musste ich im Foyer erst mal mühselig einen ziemlich komischen Kerl auf den nächsten Tag vertrösten, der mir am liebsten gleich die Gegend gezeigt hätte. Das Angebot war verlockend, denn die Landschaft erinnerte mich an die idyllische Umgebung von Battambang. Für den Moment war ich allerdings zu erschöpft.
Am nächsten morgen lauerte der Fahrer schon an der Rezeption und so konnte ich ihm nicht mehr entkommen. Ich sattelte hinten auf seinem Moped auf und machte eine halbtägige Tour in die umliegenden Dörfer. Als wir die Stadt verließen und vorbei an dösenden Ochsen über kleine Brücken aufs Land fuhren, mit perfekter Sicht über das weite Land, machte mein Herz wieder Höhensprünge. Erneut erfasste mich der Flair dieses einfachen, gemächlichen Landlebens in der schönen, exotischen Umgebung, in der die Zeit still zu stehen scheint. Begeistert klopfte ich dem seltsamen Fahrer auf die Schultern und forderte immer wieder Fahrpausen zum Genießen und Fotographieren.




Dann machte ich eine tolle Bekanntschaft. Auf einem kleinen Weg kam mir ein Mann entegegen. Bei einem netten Gespräch stellte er sich als der Englischlehrer eines kleinen Dorfes in der Nähe heraus. Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, in der heutigen Englischstunde vorbeizukommen, und ein bisschen mit den Schülern Englisch zu reden. Der Unterricht würde in einer Stunde anfangen. Ich fand die Idee spitze, und ließ den Fahrer die Tour so auslegen, dass wir in einer Stunde bei der Schule sein könnten.
Pünktlich kamen wir an dem kleinen 'open air' Schulraum an, wo etwa fühnzehn Schüler unterschiedlichen Alters auf Holzbänken vor einer kleinen Tafel saßen. Das Staunen war natürlich groß, als ich eintraf und nach einer kurzen Einführung des Lehrers konnte ich eine halbe Stunde mit den Jungs Englisch reden. Ich stellte mich kurz vor und ließ die Schüler dann auf Englisch fragen stellen. Am Ende hatte ich Deutschland und seine Nachbarn (nicht ganz originalgetreu) an die Tafel gemalt, von meiner Familie erzählt, und meine bisherige Reise beschrieben. Bei jeder Frage ermahnte der Lehrer die Schüler, aufzustehen und gerade zu stehen. Solche Haltungsnoten waren mindestens genauso wichtig wie das Englisch sprechen ansich. Auch der Lehrer selbst verstand nicht jedes Wort, das ich ihm sagte, und so mussten wir zum Beispiel "Embassy" im englisch-kambodschanischen Wörterbuch nachschlagen, um Klarheit zu schaffen. Dieser spontane Kulturaustausch war eine echte Bereicherung. Es war toll zu sehen, wie im ländlichen Kambodscha Unterricht abläuft, was sie über andere Länder wissen, und ich hatte einen riesen Spaß, den Kleinen etwas zu erzählen und beizubringen.

Zurück zur Küste - Aufenthalt in Sihanoukville


Die Straßen von Phnom Penh an die Südküste Kambodschas sind erstaunlich gut ausgebaut. So schlängelte sich der Bus mühelos über das leicht hügelige Land mit seinem Mix aus roten Erdfarben und grüner Vegatation. Es machte Spaß, die hübsche Landschaft, die nur hin und wieder von kleinen, einfachen Dörfern unterbrochen wurde, vorbeifliegen zu sehen. Nur leider nickte ich dabei aus Müdigkeit immer wieder ein.
Sihanoukville ist nach dem alten Landesvater König Sihanouk benannt, der weit über 50 Jahre das Land in vielen Funktionen vertreten und regiert hat. Ihm wurde immer wieder die zu große Nähe zu den Roten Khmer vorgehalten, und bei vielen Menschen bleibt er deswegen umstritten, doch diese Nähe konnte trotzdem nicht verhindern, dass Pol Pot ihn unter Hausarrest stellte. Bei einer Auslandsreise setzte Sihanouk sich dann ins Exil nach Peking ab. 1993 wurde er erneut König und Staatsoberhaupt Kambodschas, im Moment gönnt er sich aber seinen Ruhestand und hat den Königstitel seinem Sohn übertragen.
In Sihanoukville wählte ich dann wieder einen von geschätzten einhundert Mopedfahrern und ließ mich zu einer von ihm empfohlenen Unterkunft am Strand fahren. Zunächst witterte ich Provisionsgründe für seinen Tipp, doch wie sich herausstellte, beschehrte er mir damit das beste Preis-Leistungsverhältnis meiner Reise. Gerade mal 4$ musste ich für ein tadellos sauberes und modern eingerichtetes Zimmer mit Bad und inklusive Frühstück zahlen. Das war Rekord!



Dementsprechend ließ ich mir einige Tage Zeit mit meinem Aufenthalt. Die Strände in nächster Nähe zählten nicht zu den schönsten meiner Reise, dafür bestachen sie mit gottlicher Ruhe und einer verschwindend geringen Zahl von Touristen. Ging man an einen Nachbarstrand, war man tatsächlich fast allein mit den Einheimischen und ihren kleinen Bars, die sich wie Perlen hinter dem Strandstreifen aufzogen. Diese Chance nutzte ich für ein paar ausgedehnte Gespräche und ungestörte Liegestuhlstunden.
In der Stadt ging ich auf die Suche nach ein paar Hemden und ordentlichen Hosen, denn für mein bevorstehendes Praktikum an der Botschaft in Bangladesch hatte ich als Backpacker kein einziges adequates Bekleidungsstück dabei. In Phnom Penh war ich aus Zufall schon auf eine nette Näherin mit ihrem kleinen Laden gestoßen, bei der ich zwei Hemden in Auftrag gegeben hatte, im Wissen, dass ich auf meinem Rückflug nach Bangladesch von Phnom Penh aus antreten müsste. Das schlimme an diesen Einkaufstouren war nur, dass die Größen fast immer für Asiaten ausgelegt waren. Und so gab es für Verkäufer und mich eigentlich immer was zu Lachen, wenn aus dem Langarmhemd mal wieder fast ein Kurzarmhemd wurde.
In der Stadt habe ich mir auch wiedermal eine Massage gegönnt, und zwar dies mal bei "Seeing Hands". Das ist eine Kette, die es in Kambodscha in jeder größeren Ortschaft gibt, und bei der nur Blinde angestellt sind. Eine hervorragende Ideen, diesen Leuten mit Handicap zu einem eigenen Verdienst zu verhelfen, zumal mit einer Tätigkeit, für die sie predestiniert sind. Und so hängte ich an meine geplanten 60 Minuten Massage ohne Zögern noch 30 weitere dran.



An einem morgen stutzte ich. Vom Speisebalkon des Ghuest Houses, auf dem ich jeden Tag die Mahlzeiten einnahm, sah ich am 50 Meter entfernten Strand nicht die gewohnte Einsamkeit, sondern munteres Treiben mit mehreren hundert Menschen, die am Ufer standen. Es waren Einheimische, die an diesem freien Tag aus der ganzen Umgebung herangerist waren, um ihren Kurzurlaub am Strand zu feiern. Viele von ihnen kamen sogar aus der Hauptstadt, wie etwa zwei junge Mönche, mit denen ich ins Gespräch kam. Begeistert erzählten sie mir von ihrer Pagode in Phnom Penh und waren ungeheuer interessiert an meiner Geschichte. Das abschließende Foto war dann ebenso selbstverständlich wie die obligatorische Einladung für den Fall, dass ich mal bei ihnen in der Gegend bin. Ein paar Meter weiter stieß ich auf eine größere Gruppe Jugendlicher aus Phnom Penh, die gerade ins Meer stürmten. Wir hatten gerade einen fantastischen Welengang mit hohen, gleichmäßig auftürmenden Wellen, auf deren Spitze man sich etliche Meter in beeindruckender Geschwindigkeit mittragen lassen konnte, wenn man seinen Körper als Surfbrett benutzte und das richtige Timing hatte. Bei den Kambodschanern wollte es nicht so recht klappen, sie versanken schon nach wenigen Metern unter der Welle. So versuchte ich ihnen immer wieder beizubringen, den richtigen Moment abzuwarten, um sich abzustoßen und oben auf die Welle zu springen. Nach einer Stunde war das Training zwar nicht sonderlich erfolgreich, wir waren abe alle total erschöpft und hatten Bauchkrämpfe vom Lachen. Am Ende gab es wieder ein Bild, wir tauschten Email und Telefonnummern, und ich versprach auf meinem Rückweg über Phnom Penh bei ihnen vorbeizuschauen.

Donnerstag, 1. November 2007

Die Schattenseite

Nach meinen anfänglichen Streifgängen durch die Viertel der Stadt, durch die Märkte und Läden, widmete ich mich am dritten Tag wieder der Geschichte des Landes. Mein Ausflug führte in das Tuol Sleng Museum, ehemals Sicherheitsgefängnis 21. Dieses eigentliche Schulgebäude mitten in der Stadt wurde während der Herrschaft der Roten Khmer von 1975-79 zum Folterzentrum umfunktioniert. Hier wurden all diejenigen hingebracht, die in den Augen der unbarmherzigen Steinzeitkommunisten einen Feind darstellten oder die nicht in ihr perverses Gesellschaftsbild passten. Überleben konnte nur, wer sich bedingungslos dem Willen Ankras, der Einheitspartei, unterwarf und einen unmündigen, einfältigen Bürger ohne eigenen Willen spielte. Alle gebildeten Menschen wie Lehrer, Ärzte, Professoren oder einfach Menschen, die keine rauen Hände von der Landarbeit hatten, waren ein Feind der Partei. Es war erklärte Politik des Anführers Pol Pot, dass man für den Aufbau des neuen "perfekten" Staates weniger als eine Million Menschen brauchte. Der Rest war demnach ohnehin unnütz. Teilhaben durften nur die Angepassten und Gleichgeschalteten.

Dementsprechend viele Kambodschaner durchliefen die Folterhölle von Tuol Sleng. In den Zimmern des Gebäudes sind noch einige Folterinstrumente, Pritschen und Utensilien aus dieser Zeit ausgestellt. Patronenbüchsen etwa, die zum Sammeln der Exkremente der Gefangenen in den Zellen standen. Zahllose Reihen von Bilderwänden zeigen die Gefangenen jener Zeit, denn über jeden wurde Buch geführt und von jedem ein Foto geschossen.
Auf der Treppe eines der Gebäude habe ich ein Kamerateam gesehen, das einen alten Mann interviewt hat. Vermutlich einer der wenigen Zeitzeugen, die das Gefängnis überlebt hatten.


Der nächste fatale, aber logische Schritt war der Gang zu den "Killing Fields", jene Konzentrationslager, in die die Gefangenen der Folterkeller unweigerlich früher oder später gebracht wurden, und von denen am Ende vorallem die Massengräber zurückblieben. Einer dieser Orte liegt nicht weit vor der Stadt.
In meinem Ghuest House habe ich Alex getroffen, der während meiner Zeit in Phnom Penh oft mein Fahrer war. Einer von tausenden Fahrern der Stadt, die um die wenigen Touristen und ihren kargen Lebensstandard kämpfen. Alex durfte die Bewohner direkt im Ghuest House ansprechen, musste dafür aber für jede Fahrt einen Dollar an den Hotelbetreiber abdrücken. So rechnete er mir ehrlich vor, das von der Fahrt zu den Killing Fields, für die er fünf Dollar verlangte, praktisch nichts für ihn übrig blieb, wenn man noch das Benzin und eine warme Mahlzeit für den Tag davon abzog. Wieder lernte ich ein Stück dazu bei der Gradwanderung, sich nicht übers Ohr hauen zu lassen, die Menschen vor Ort aber auch nicht in den Ruin zu handeln. Gerade in Kambodscha waren die Leute meistens recht ehrlich und versuchten keine astronomischen Preise einzufahren - im Gegensatz zu Vietnam, wie sich später herausstellen sollte.

Wir fuhren also mit Alex' Moped zu den Killing Fields, wo eine große Pagode gefüllt mit Schädeln in Erinnerung an die Getöteten steht. Er selbst durfte mir keine Hintergrundinformationen zu dem Ort geben, weil er damit den "offiziellen" Führern das Geschäft vermasselte. Nach der halben Tour über die Gedenkstätte traf ich Alex aber doch unauffällig auf einer Bank und es gab noch ein paar Gratisinfos dazu. In diesem Gespräch kam er auch auf die politischen Bedingungen im heutigen Kambodscha zu sprechen. Kambodscha sei heute alles andere als eine Demokratie, die Regierungspartei würde massiv Druck auf die Oposition ausüben, Wähler würden eingeschüchtert und überhaupt riskiere man Kopf und Kragen, wenn man bestimmte Personen oder Missstände offen kritisiere. All dies erzählte er mir mit gedämpfter Stimme, und schaute sich dabei mehrmals um, ganz so als ob die Spitzel der Regierenden unweit im Gras liegen könnten. Für mich war dieses Gespräch erschreckend und spannend zugleich, war es doch nicht der Stoff, den man als Normalreisender so mitbekam. Das waren die stillen Höhepunkte meiner Reise. Und ich musste an meine Begegnung mit dem Opositionspolitiker auf dem Boot von Battambang zurückdenken, der ähnliche Anspielungen gemacht hatte.

Danach kam Alex noch auf ein Thema zu sprechen, das ihm sehr am Herzen lag. Zuerst wusste ich nicht, ob ich ihm es ganz abnehmen konnte, danach schämte ich mich aber für mein Misstrauen. Er erzählte mir von seiner jüngsten Kindeheit. Alex wurde mitten in den Beginn der Roten Khmer Zeit geboren. Mit drei Jahren wurde er von seinen Eltern getrennt, um auf einem Feld zusammen mit anderen Kindern Tag für Tag Zwangsarbeit zu leisten, während seine Eltern in einem Erwachsenenlager schuften mussten. Die Bedingungen waren katrastophal und er war kurz davor zu verhungern. In seiner Not fing er Ratten während der Feldarbeit und aß auch sonst alles was er nur irgendwo finden konnte. Er schlief immer hungrig ein, erzählte er mir, und kann sich auch heute noch zu gut an dieses schlimme Gefühl erinnern. Aber es gäbe auch heute noch Kinder, die so leiden müssten. Gleich in der Stadt unweit meines Ghuest House sei ein Waisenhaus, indem es nur etwas zu essen gibt, wenn genug Geld da ist. Wenn kein Geld da ist, bliebe das immergleiche Reisessen aus, und die Kinder würden weinend einschlafen. Dann kam er zum Punkt: Er fragte mich, ob ich etwas Geld für die Kinder spenden könnte. Mit 30 Dollar könnte er Reis kaufen, wovon alle Kinder einen Tag lang satt werden.
Erst war ich etwas skeptisch, und fragte ihn ob das Geld denn wirklich ankäme und ob angesichts des sichtbar hohen Aufgebots an NGOs und UN-Einheiten in der Stadt, diese hier nicht eine effektivere Arbeit leisten könnten als ich mit der Einzelspende. Alex meinte, das zwar viele Organisationen präsent wären, diese aber schlicht die Menge der Bedürftigen nicht versorgen könnten. Er würde dehalb öfters Touristen, die er besser kennengelernt hat, um eine Unterstützung für sein Waisenhaus bitten. Dieses selbstlose Handeln eines Mannes, in seinem leicht dreckigen Polyesterhemd, der selbst kaum etwas hat, der in Erinnerung an seine eigenen Erlebnisse den Kindern Ähnliches ersparen will, hat mich zutiefst beeindruckt.
Eine halbe Stunde später waren wir zurück in der Stadt und standen vor dem Lager einer Reisverkäuferin. Wir orderten einen 50KG-Sack Klasse I Reis und ich drückte der Verkäuferin ein paar Scheine in die Hand. Danach hievten wir den Sack hinter den Lenker des Mopeds, sattelten auf, und fuhren so voll bepackt zum Waisenhaus.

Tatsächlich war es nicht weit von meiner Unterkunft, und vor allem nur einen Steinwurf von dem prächtigen, neuen Parlamentsgebäude, das gerade fertig gebaut wurde. Eine dreckige, kleine Auffahrt führte in eine Ansammlung von Holzverschlägen. In einem kleinen Innenhof liefen eine Vielzahl von Kindern allen Alters durcheinander, viele dreckig, manche agressiv, aber alle vor allem neugierig und erstaunlich zutraulich. Wir luden den Sack Reis ab, und zu meiner Erleichterung stand dort schon ein anderer. Etwas Puffer, falls Alex in den nächsten Tagen niemand finden würde...
Dann zeigte er mir die Unterkünfte der Kleinen; nackte Holzhütten, in den bis zu sechs Kinder gleichzeitig am Boden schliefen. Es sähe heute schon besser aus als vor ein paar Jahren, meinte er, weil immer mal jemand die kleinen Hütten ausgebaut und abgedichtet hätte. Im Innenhof wurde ich dann von kleinen Gestalten umringt, die alle aufs Foto oder meinen Schoß wollten. Ich ließ sie ihre eigenen Bilder anschauen, was ungekannte Begeisterung auslöste.



Nach einer Weile musste ich mich dann von ihnen verabschieden, denn Alex musste weiter und versuchen, an diesem Tag noch etwas Geld zu verdienen. Die Ausflüge zum Waisenhaus waren für ihn immer rein ehrenamtlich. Als ich ihm vorschlug, schon mal alleine zurückzufahren, schüttelte er entschieden den Kopf. Es wäre doch unhöflich, wenn er als Fahrer mich nicht wieder bis nach Hause bringen würde. So etwas würde er nicht machen.

Freitag, 26. Oktober 2007

Phnom Penh

Nach meinen ausgedehnten und anstrengenden Tempelbesichtigungen stand ich Mitte Juni auf dem staubigen Busbahnhof von Siem Reap und suchte nach einer geeigneten Verbindung in die Hauptstadt. Aufgrund meiner letzten Bootserfahrung in Kambodscha wollte ich doch mal den Landweg als Langstreckentransportmittel ausprobieren. Ich hatte Glück, denn fünf Minuten nach meiner Ankunft an der Bushaltestelle fuhr ein Bus nach Phnom Penh ab. Das klaprige Gefährt war bis auf den letzten Platz belegt, hauptsächlich von Einheimischen. Dementsprechend gering viel das Ticket von 4$ für die knapp 300km lange Strecke aus.
Ich stellte erleichtert fest, dass die Straßen besser waren als erwartet. Oftmals mussten wir auf der wenig befahrenen Strecke zwar Kühen und Büffeln ausweichen, die es sich auf dem Asphalt bequem gemacht hatten, darüber hinaus behinderte aber nichts die Fahrt. Bei den zwei Pausen die wir zwischendurch machten, musste man sich entscheiden, ob man auf eine Toilette verzichten will, oder aber von den zahlreichen Verkäufern überrannt zu werden, die an den "Rasthöfen" ihre Produkte an den Mann bringen wollten. Oftmals befanden sich in den Körben wenig appetitliche Speisen wie geröstete Insektenarten. Keine Chance hiermit bei Westlern Profit zu machen, aber man versuchte es natürlich trotzdem. Bei diesen Stopps wurden außerdem den Motoren der Busse immer eine Ladung von drei Eimern Wasser verpasst. Diese Praxis beruhte offenbar auf reichhaltigen Erfahrungswerten, denn bei der unerbittlichen Hitze schien ein Ausfall der Technik nicht weit hergeholt.
Die Panne blieb aus und nach fünf Stunden Fahrt kamen wir am zentralen Busbahnhof in Phnom Penh an. Man schaffte es kaum aus dem Bus zu steigen, denn die Masse der fahrwilligen Tutuk-Besitzer blockierte die Ausgänge völlig. Mühsam kämpfte ich mich durch den Pulk, steuerte auf einen abseits stehenden Fahrer zu, gab ihm ein Zeichen und ließ mich erschöpft auf die Rückbank des Dreirads fallen. Drei Sekunden später schmiss er den Motor an und steuerte mich aus dem Chaos der leer ausgegangenen Tuktukfahreren heraus, deren enttäuschte Blicke ich immer noch im Rücken spürte.
Eine passende Unterkunft hatte ich schon vorher recherchiert, und so ließ ich mich vom Fahrer am OKAY Ghuesthouse, nahe des königlichen Palasts und des Tonle Sap Flusses absetzen. Ich investierte 10$ pro Nacht in ein geräumiges, klimatisiertes Zimmer mit Kabelfernsehen (auf dem ich allerdings nur einmal Star Wars reinzog). Am selben abend ging ich noch nach draußen und erkundete die nähere Umgebung. Die nahe gelegene, lange Uferpromenade am Tonle Sap River war hübsch und voller Leben. Vor dem Königspalast saßen auf dem Platz und in den angrenzenden Straßen unzählige Menschen, scheinbar oftmals Familien, auf dem Boden neben kleinen Ständen und aßen und unterhielten sich. Als ich auf dem Rückweg einige dieser Leute auf Kartons schlafend wiedersah, wurde mir klar, dass viele von ihnen hier "zuHause" waren und neben ihrer kleinen, zerbrechlichen Existenz auf dem Boden schliefen. Vor den Toren seiner Majestät...



Phnom Penh hat Charme. Mit etwas über einer Million Einwohner ist es die größte Stadt Kambodschas; trotzdem geht alles sehr gemächlich seinen Gang. Von der Hektik und dem Gedränge Bangkoks ist nichts zu spüren. Es macht riesig Spaß sich von einem der Mopedfahrer, die praktisch an jeder Straßenkreuzung als allgegenwärtiger Service zur Verfügung stehen, durch die Stadt fahre zu lassen. Der Verkehr besteht hauptsächlich aus Zweirädern, die sich langsam, aber stetig durch die schöne Stadt bewegen.
Es war ein suchtförderndes Gefühl, sich gemütlich auf einem der tausend Mopeds transportieren zu lassen, und den Flair der Stadt in sich aufzusaugen. In Phnom Penh ist noch etwas übriggeblieben vom großen Charme der Khmerkultur und der französischen Kolonialzeit. Prächtig renovierte Paläste und Pagoden im Khmerstil wechseln sich mit alten Kolonialvillen ab. Die Stadt ist in großen Teilen in einem erstaunlich gepflegten Zustand. Trotzdem befindet man sich in der Hauptstadt eines Entwicklungslandes, und die armen Viertel und Behausungen sind oft nur einen Steinwurf von den Prachtbauten entfernt. Eine Ghettoisierung gibt es aber somit nicht. Ich habe mich immer sehr gern und sehr sicher auf den Straßen bewegt.
Für eine Mopedfahrt zwischen Kurzstrecke und quer durch die Stadt zahlt man 0,4-1,0 Dollar. Einmal auf einer Fahrt ist einem alten Opi, mit dem ich mich noch auf französisch unterhalten konnte, nach ein paar hundert Metern der Hinterreifen geplatzt. Besorgt begutachtete er den Schaden und entschuldigte sich vielmals für den Zwischenfall. Er habe den Reifen erst letzte Woche geflickt, versicherte er mir, und zuckte enttäuscht und etwas beschämt die Schultern. Ich gab ihm dann trotzdem den vollen Fahrpreis und hoffte, dass er den Schaden schnell beheben konnte... Insgesamt bin ich lieber mit den älteren Fahrern unterwegs geswesen. Diese wussten immer ein paar spannende Geschichten von früher zu erzählen, waren umgänglich und genügsam, und forderten keine überzogenen Transportpreise.

Auf dem Pflichtprogramm stand natürlich auch der Königspalast - ein Höchstaufgebot an Prunk, inklusive der berühmten Silberpagode. Ich löste ein Besucherticket und begab in den bis auf ein paar Gärtner fast menschenleeren Innenhof. Nach einiger Zeit wurde ich leider beim Fotographieren erwischt und musste für ein paar Dollar noch eine "Fotolizenz" nachkaufen. Hier die Ergebnisse dieser Ausgabe:



Im Anschluss besuchte ich noch das "Refugee Film Festival", das im französischen Kulturzentrum der Stadt stattfand. Gezeigt wurden Filme über persönliche Schicksale und Erlebnisse in der jüngsten, wenig friedlichen Geschichte des Landes. Ich habe "New Year Baby" gesehen, ein bewegender Film über ein Mädchen, das 1980 zum Neujahrstag in einem Flüchtlingslager an der thailändischen Grenze geboren wird, nachdem ihre Eltern vor dem Grauen im eigenen Land geflohen waren. In Amerika aufgewachsen, überredet das Mädchen 25 Jahre später ihre Eltern zu einem ersten Wiedersehen mit der Heimat Kambodscha, und konfrontiert sie damit schmerzvoll mit der eigenen Vergangenheit, die diese lange verdrängt hatten.
Witzig: Als ich ich für den Film anstand, haben in einem Nebenraum ein paar kleine Kambodschaner gerade Französischunterricht bei einer Omi gehabt.