
Nach meinen anfänglichen Streifgängen durch die Viertel der Stadt, durch die Märkte und Läden, widmete ich mich am dritten Tag wieder der Geschichte des Landes. Mein Ausflug führte in das Tuol Sleng Museum, ehemals Sicherheitsgefängnis 21. Dieses eigentliche Schulgebäude mitten in der Stadt wurde während der Herrschaft der Roten Khmer von 1975-79 zum Folterzentrum umfunktioniert. Hier wurden all diejenigen hingebracht, die in den Augen der unbarmherzigen Steinzeitkommunisten einen Feind darstellten oder die nicht in ihr perverses Gesellschaftsbild passten. Überleben konnte nur, wer sich bedingungslos dem Willen Ankras, der Einheitspartei, unterwarf und einen unmündigen, einfältigen Bürger ohne eigenen Willen spielte. Alle gebildeten Menschen wie Lehrer, Ärzte, Professoren oder einfach Menschen, die keine rauen Hände von der Landarbeit hatten, waren ein Feind der Partei. Es war erklärte Politik des Anführers Pol Pot, dass man für den Aufbau des neuen "perfekten" Staates weniger als eine Million Menschen brauchte. Der Rest war demnach ohnehin unnütz. Teilhaben durften nur die Angepassten und Gleichgeschalteten.




Dementsprechend viele Kambodschaner durchliefen die Folterhölle von Tuol Sleng. In den Zimmern des Gebäudes sind noch einige Folterinstrumente, Pritschen und Utensilien aus dieser Zeit ausgestellt. Patronenbüchsen etwa, die zum Sammeln der Exkremente der Gefangenen in den Zellen standen. Zahllose Reihen von Bilderwänden zeigen die Gefangenen jener Zeit, denn über jeden wurde Buch geführt und von jedem ein Foto geschossen.
Auf der Treppe eines der Gebäude habe ich ein Kamerateam gesehen, das einen alten Mann interviewt hat. Vermutlich einer der wenigen Zeitzeugen, die das Gefängnis überlebt hatten.

Der nächste fatale, aber logische Schritt war der Gang zu den "Killing Fields", jene Konzentrationslager, in die die Gefangenen der Folterkeller unweigerlich früher oder später gebracht wurden, und von denen am Ende vorallem die Massengräber zurückblieben. Einer dieser Orte liegt nicht weit vor der Stadt.
In meinem Ghuest House habe ich Alex getroffen, der während meiner Zeit in Phnom Penh oft mein Fahrer war. Einer von tausenden Fahrern der Stadt, die um die wenigen Touristen und ihren kargen Lebensstandard kämpfen. Alex durfte die Bewohner direkt im Ghuest House ansprechen, musste dafür aber für jede Fahrt einen Dollar an den Hotelbetreiber abdrücken. So rechnete er mir ehrlich vor, das von der Fahrt zu den Killing Fields, für die er fünf Dollar verlangte, praktisch nichts für ihn übrig blieb, wenn man noch das Benzin und eine warme Mahlzeit für den Tag davon abzog. Wieder lernte ich ein Stück dazu bei der Gradwanderung, sich nicht übers Ohr hauen zu lassen, die Menschen vor Ort aber auch nicht in den Ruin zu handeln. Gerade in Kambodscha waren die Leute meistens recht ehrlich und versuchten keine astronomischen Preise einzufahren - im Gegensatz zu Vietnam, wie sich später herausstellen sollte.



Wir fuhren also mit Alex' Moped zu den Killing Fields, wo eine große Pagode gefüllt mit Schädeln in Erinnerung an die Getöteten steht. Er selbst durfte mir keine Hintergrundinformationen zu dem Ort geben, weil er damit den "offiziellen" Führern das Geschäft vermasselte. Nach der halben Tour über die Gedenkstätte traf ich Alex aber doch unauffällig auf einer Bank und es gab noch ein paar Gratisinfos dazu. In diesem Gespräch kam er auch auf die politischen Bedingungen im heutigen Kambodscha zu sprechen. Kambodscha sei heute alles andere als eine Demokratie, die Regierungspartei würde massiv Druck auf die Oposition ausüben, Wähler würden eingeschüchtert und überhaupt riskiere man Kopf und Kragen, wenn man bestimmte Personen oder Missstände offen kritisiere. All dies erzählte er mir mit gedämpfter Stimme, und schaute sich dabei mehrmals um, ganz so als ob die Spitzel der Regierenden unweit im Gras liegen könnten. Für mich war dieses Gespräch erschreckend und spannend zugleich, war es doch nicht der Stoff, den man als Normalreisender so mitbekam. Das waren die stillen Höhepunkte meiner Reise. Und ich musste an meine Begegnung mit dem Opositionspolitiker auf dem Boot von Battambang zurückdenken, der ähnliche Anspielungen gemacht hatte.

Danach kam Alex noch auf ein Thema zu sprechen, das ihm sehr am Herzen lag. Zuerst wusste ich nicht, ob ich ihm es ganz abnehmen konnte, danach schämte ich mich aber für mein Misstrauen. Er erzählte mir von seiner jüngsten Kindeheit. Alex wurde mitten in den Beginn der Roten Khmer Zeit geboren. Mit drei Jahren wurde er von seinen Eltern getrennt, um auf einem Feld zusammen mit anderen Kindern Tag für Tag Zwangsarbeit zu leisten, während seine Eltern in einem Erwachsenenlager schuften mussten. Die Bedingungen waren katrastophal und er war kurz davor zu verhungern. In seiner Not fing er Ratten während der Feldarbeit und aß auch sonst alles was er nur irgendwo finden konnte. Er schlief immer hungrig ein, erzählte er mir, und kann sich auch heute noch zu gut an dieses schlimme Gefühl erinnern. Aber es gäbe auch heute noch Kinder, die so leiden müssten. Gleich in der Stadt unweit meines Ghuest House sei ein Waisenhaus, indem es nur etwas zu essen gibt, wenn genug Geld da ist. Wenn kein Geld da ist, bliebe das immergleiche Reisessen aus, und die Kinder würden weinend einschlafen. Dann kam er zum Punkt: Er fragte mich, ob ich etwas Geld für die Kinder spenden könnte. Mit 30 Dollar könnte er Reis kaufen, wovon alle Kinder einen Tag lang satt werden.

Erst war ich etwas skeptisch, und fragte ihn ob das Geld denn wirklich ankäme und ob angesichts des sichtbar hohen Aufgebots an NGOs und UN-Einheiten in der Stadt, diese hier nicht eine effektivere Arbeit leisten könnten als ich mit der Einzelspende. Alex meinte, das zwar viele Organisationen präsent wären, diese aber schlicht die Menge der Bedürftigen nicht versorgen könnten. Er würde dehalb öfters Touristen, die er besser kennengelernt hat, um eine Unterstützung für sein Waisenhaus bitten. Dieses selbstlose Handeln eines Mannes, in seinem leicht dreckigen Polyesterhemd, der selbst kaum etwas hat, der in Erinnerung an seine eigenen Erlebnisse den Kindern Ähnliches ersparen will, hat mich zutiefst beeindruckt.
Eine halbe Stunde später waren wir zurück in der Stadt und standen vor dem Lager einer Reisverkäuferin. Wir orderten einen 50KG-Sack Klasse I Reis und ich drückte der Verkäuferin ein paar Scheine in die Hand. Danach hievten wir den Sack hinter den Lenker des Mopeds, sattelten auf, und fuhren so voll bepackt zum Waisenhaus.

Tatsächlich war es nicht weit von meiner Unterkunft, und vor allem nur einen Steinwurf von dem prächtigen, neuen Parlamentsgebäude, das gerade fertig gebaut wurde. Eine dreckige, kleine Auffahrt führte in eine Ansammlung von Holzverschlägen. In einem kleinen Innenhof liefen eine Vielzahl von Kindern allen Alters durcheinander, viele dreckig, manche agressiv, aber alle vor allem neugierig und erstaunlich zutraulich. Wir luden den Sack Reis ab, und zu meiner Erleichterung stand dort schon ein anderer. Etwas Puffer, falls Alex in den nächsten Tagen niemand finden würde...
Dann zeigte er mir die Unterkünfte der Kleinen; nackte Holzhütten, in den bis zu sechs Kinder gleichzeitig am Boden schliefen. Es sähe heute schon besser aus als vor ein paar Jahren, meinte er, weil immer mal jemand die kleinen Hütten ausgebaut und abgedichtet hätte. Im Innenhof wurde ich dann von kleinen Gestalten umringt, die alle aufs Foto oder meinen Schoß wollten. Ich ließ sie ihre eigenen Bilder anschauen, was ungekannte Begeisterung auslöste.



Nach einer Weile musste ich mich dann von ihnen verabschieden, denn Alex musste weiter und versuchen, an diesem Tag noch etwas Geld zu verdienen. Die Ausflüge zum Waisenhaus waren für ihn immer rein ehrenamtlich. Als ich ihm vorschlug, schon mal alleine zurückzufahren, schüttelte er entschieden den Kopf. Es wäre doch unhöflich, wenn er als Fahrer mich nicht wieder bis nach Hause bringen würde. So etwas würde er nicht machen.