
Das war mein erstes Bild von Kambodscha - der Grenzübergang Poi Pet, an dem man von Thailand aus in eine andere Welt überwechselt. Noch vor zehn Jahren wäre dieser Übergang selbstmörderisch gewesen, denn der 600 km lange Grenzabschnitt zu Thailand galt als einer der am stärksten verminten Gebiete der Erde. Mitte der 80er Jahre wurde hier der sogenannte K5 Minengürtel mit Millionen von Sprengkörpern gelegt, um den Roten Khmer (s. später) die Nachschubwege abzuschneiden. Auch heute geht man noch von einigen Millionen Minen aus, die über Kambodscha verstreut sind, ein Dokument der jahrzehntelangen blutigen Auseinandersetzungen in diesem kleinen Land. Erst wurde Kambodscha Opfer des Vietnamkrieges. Ab Ende der 60er Jahre bombardierten die Amerikaner mit ungekannter Intensität den Ostteil des Landes, der als Versorgungsweg des Vietcong galt. Gleichzeitig installierten sie eine prowestliche Militärdiktatur unter Marshall Lon Nol. Als Mitte der 70er Jahre sich die Amerikaner nach herben Verlusten aus Vietnam zurückzogen, ließen sie auch Lon Nol fallen. Seine kambodschanischen Regierungstruppen waren ohne die US-Militärunterstützung hilflos dem feindseligen Umfeld ausgeliefert. 1975 besetzten die Roten Khmer, die kommunistischen Partisanen unter ihrem Führer Pol Pot, die aus dem Norden des Landes schon jahrelang Angriffe auf Lon Nols Truppen starteten, im Handumdrehen die Hauptstadt Phnom Penh. Was daraufhin folgte war eine vierjährige Terrorherrschaft und einer der schlimmsten Völkermorde der Geschichte, dem mindestens zwei Millionen Khmer zum Opfer fielen. Erst 1979 wurden mit der vietnamesischen Invasion die Roten Khmer entmachtet, blieben aber als Gruppierung noch bis Anfang der 90er Jahre bestehen. Ein einigermaßen friedliches Leben ist in Kambodscha auch erst seit dieser Zeit möglich.
Soweit mein Kurzüberblick der Geschichte. Wenn man dieses Land intensiver bereist und mit den Leuten redet, kommt man nicht umhin, sich mit dieser brutalen Geschichte auseinanderzusetzen. Man erkennt sie zwar nicht auf den immer fröhlichen und gut gelaunten Gesichtern, aber bei genauerem Hinsehen trägt jeder im Inneren eine Last mit sich herum. Praktisch jede Familie hat Opfer aus der Zeit der Roten Khmer zu beklagen.
Kambodscha öffnet sich langsam dem Tourismus. Im Moment kann man noch der erste sein, der eine der schönen Provinzen bereist, wenn eine neue Straße gebaut wurde, oder ein anderes Gebiet von Minen befreit wurde. Nachdem ich die thailändische Grenzkontrolle passiert hatte, kam hinter dem Checkpoint gleich ein kambodschanischer Beamter auf mich zu. "Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass die Kinder dort drüben so tun, als würden sie Ihnen Hilfe anbieten, sie aber vermutlich bestehlen wollen. Halten Sie sich fern von ihnen." Er meinte eine Gruppe von 6-12 jährigen Kindern in zerrissenen, dreckigen Shirts, die auf dem kleinen Streifen Grenzland im Staub saßen. Als ich mich zu Fuß den Streifen entlangbewegte, kamen die kleinen Gestalten auch schon auf mich zu und versuchten mir Sonnenschirme über den Kopf zu halten, was schon an der Größe scheiterte. Ich winkte sie deutlich weg, und dann wars auch weiter kein Problem mehr. Nach dem kambodschanischen Checkpoint empfing mich dann das Bild, das ihr oben seht. Menschen ziehen Holzkarren über den staubigen Boden, Ochsen ziehen größere Karren mit Erntegut hinter sich her und kleine, rostige, motorisierte Gefährte befördern eine schwindelerregnde Anzahlt von Menschen. Plötzlich wirkt das Schwellenland Thailand wie die modernste Industrienation.
Als es darum ging ein Transportmittel zu meinem ersten Zielort Battambang zu finden, wurde ich von drei potentiellen "Dienstleistern" gleichzeitig bequatscht. Sie redeten allesamt auf mich ein, bis ich kein Wort mehr verstehen konnte. Jeder versuchte mich glauben zu machen, er hätte das beste Angebot. Einer von ihnen war Regierungsvertreter mit offiziellem Ausweis und warnte mich davor, die halsbrecherischen Touren der anderen Anbieter mitzumachen, die von Provision leben und einem die schlimmste, ermüdenste Fahrt bescheren, damit man dann bei der Ankunft in der Nacht erschöpft in ihrem Hotel übernachtet. Ich vertraute dem Regierungsmann und wählte sein Angebot: Ein klimatisertes, japanisches Auto mit Ledersitzen, das in der Fahrrad- und Mofa dominierten Umgebung wie ein Fremdkörper aussah. Aber sicherlich war es die bequemste Alternative.
Die ersten 50 km Straße hinter der Grenze kann man guten Gewissens als katastrophal bezeichnen. Ein Meer aus Schlamm und Schlaglöchern. Unmöglich hier Bilder zu schießen, ich hatte alle Mühe mir nicht den Kopf anzuschlagen. Mein Fahrer, ein Einheimischer mit Strohhut und großer, goldumrandeten Brille lachte jedes Mal seltsam vor sich hin, wenn ich ihn auf Englisch ansprach. Er wäre die Bestbesetzung für einen Entführer gewesen. Ohne Möglichkeiten der Kommunikation hoffte ich einfach, dass er mich auch wirklich in Battambang abliefern würde und genoss die flache, weite Landschaft.Auf dem Weg hielten wir bei einer Polizeistation und ein Mann stieg hinzu. Er war in zivil, aber am Ende vermutete ich, dass er zum Schutz anwesend war. Die Regierung war wirklich sehr bemüht, ihren Gästen ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Ich nehme an, in früheren Jahren war die Grenze bei Poi Pet weniger angenehm zu überqueren. Nach drei Stunden Fahrt wurde ich dann tatsächlich vor einem netten Hotel in Battambang abgesetzt. Endlich Zeit sich wieder mal auszuruhen, und am nächsten Tag tauchte ich dann zum ersten Mal richtig ein in das Land.






