Freitag, 13. Juli 2007

Flußfahrt ins Ungewisse

Mein nächstes Reiseziel war Angkor, bzw die Stadt Siem Reap, die nur wenige Kilometer von den Tempelanlagen entfernt einen Wachstumsboom erlebt. In Erinnerung an die fürchterlichen Straßen an der Grenze entschied ich mich für das Wasser als Transportmedium. Battambang liegt an einem der vielen Flüsse, die in den Tonle Sap, den riesigen See im Zentrum Kambodschas fließt. Siem Reap liegt unweit des Tonle Sap um Nordufer. Somit gab es eine direkte Wasserstraße zu meinem Ziel.
Irgendwo hatte ich gelesen, dass Schnellboote auf dem Tonle Sap verkehren. Mit dieser Erwartung machten Katie und ich uns am nächsten morgen früh um 7 Uhr auf zur Bootsanlegestelle in Battambang. Was uns tatsächlich auf dem Fluß erwartete war ein Kahn von 2 Metern Breite und etwa 10 Metern Länge. Unser Gepäck wurde aufs Dach geschmissen und wir konnten auf den letzten beiden Plastikstühlen in der Mitte des voll besetzten Bootes Platz nehmen, um uns herum hauptsächlich Einheimische dicht gedrängt auf Holzbänken. Noch war es 7 Uhr morgens, und die Temperaturen erträglich. Aber wir hatten 150km auf dem Wasser vor uns und ich ahnte sofort, dass dieses Gefährt kaum mehr als 20 km pro Stunde schaffen würde. Alles deutete auf einen Alptraum hin.

In der Tat entwickelte sich diese Fahrt zu einer der Anstrengendsten meiner Reise. Aber ich bin so froh dass ich sie gemacht habe. Was ich dafür bekam, waren nämlich unbezahlbare, authentische Einblicke in das Land, die kaum ein Tourist teilen kann, weil sich der Großteil direkt nach Siem Reap einfliegen lässt. Auf dem Wasser reiste ich wie ein Einheimischer.

Zu Beginn der Fahrt war der Fluß noch sehr schmal und wir bewegten uns mit nicht viel mehr als lockerer Jogginggeschwindigkeit. Als wir Battambang hinter uns gelassen hatten, machte der Strom wilde Kurven von bis zu 180 Grad, die die Manövrierfähigkeit des Ruders überstiegen. In diesen Fällen musste ein Bootsmann vorne auf dem Bug stehen und mit einem langen Paddel das Boot in die gewünschte Position bringen. Kein schöner Job bei voller Sonneneinstrahlung.
Der Fluß ist der einzige Verkehrweg in dieser Gegend, dementsprechend spielt sich alle menschliche Aktivität an dessen Ufer ab. Während wir uns über das Wasser schlängelten, kamen wir immer wieder an kleinen Behausungen vorbei. Hütten mit etwas landwirtschaftlicher Fläche dahinter. Kühe, die in den Reisfeldern stehen. Kinder, die im Fluß baden und uns zuwinken und zurufen. Und hinter dieser Lebensader nichts außer Landschaft. Keine Zivilisation. Ein faszinierender Mikrokosmos. Selten erschienen mir Europa oder Megastädte wie Bangkok und Singapur ferner.



Als der Fluß nach ein paar Stunden langsam breiter wurde, wurden auch die kleinen Häuser zahlreicher. Teilweise bildeten sich schwimmende Siedlungen. Viele Hütten waren hier auf Holzpflöcken im Wasser, oder schwimmend auf Fässern errichtet.
Unser Boot diente nicht nur der Personenbeförderung, sondern wir waren auch ein Versorgungsschiff für alle Dörfer am Flußufer. Als wir in Battambang ablegten waren wir voll beladen mit Reissäcken, Obst, Gemüse und anderen Nahrungsmitteln. Als wir dann im Laufe der Fahrt in die verschiedenen Siedlungen einfuhren, stachen vom Ufer aus immer kleine Kähne in See, und padelten an unser Boot heran. Dann wurden die sehnlich erwarteten Vorräte verladen, und die Fahrt konnte weitergehen.


Während der langen Fahrt habe ich ein interessantes Gespräch mit einem Mitreisenden geführt. Es ist der Mann im ersten Bild links mit dem Schal um den Hals. Er ist Politiker der oppositionellen Sam Rainsy Partei, die für Reformen und Bekämpfung der lähmenden Korruption eintritt, und will bei der nächsten Wahl für seinen Wahlkreis Battambang ins Parlament einziehen. Aber seine Chancen stehen schlecht, denn das politische System in Kambodscha ist alles andere als demokratisch und rechtstaatlich. Es ist geprägt durch Einflußnahme und Bedrohung Oppositioneller durch die regierende Cambodia People's Party, deren Plakate selbst an der entlegendsten Provinzhütte prangen. Im Kern besteht die CPP aus den alten kommunistischen Kadern, viele Khmer Rouge Krieger aus alter Zeit haben hier Unterschlupf gefunden. Zynischerweise ist der jetzige Premierminister Kambodschas, der die Regierung leitet, ein ehemaliger General der Roten Khmer, ein Mann also, der als Mitverantwortlicher für das Massenmorden eigentlich angeklagt werden sollte. Auf meine Frage hin, wie so etwas möglich sein kann und Leute ihn wählen könnenen, zuckte mein Gesprächspartner erst mit den Schultern, und meinte dann: "Es geht alles um Bildung. Die Menschen wissen einfach nicht, wer er ist. Sie wählen, wer auf dem Plakat steht, dass in ihrem Dorf hängt und wer die meisten Versprechungen macht. Die Leute, die bescheid wissen, werden eingeschüchtert." Vielleicht liegt es auch an dem enormen Gegenwartsbezug der Menschen. Die meisten leben im Jetzt, wollen die schlimme Vergangeheit vergessen, und vergessen deshalb, dass neben ihnen die Mörder von gestern leben.
Der Politiker erzählte mir weiter, dass sein Vater als hochrangiger General in der 60er und 70er Jahren in der Armee Lon Nols gegen die Roten Khmer gekämpft hatte. Zu diesem Zeitpunkt war er selbst Student im sicheren amerikanischen Ausland gewesen. Als die Roten Khmer 1975 das Land im Handumdrehen eroberten, floh sein Vater nicht wie viele andere der hohen Vertreter des Lon Nol Regimes. aus dem Land Er glaubte an ein Arrangement mit den Roten Khmer, an eine Aussöhnung vielleicht und eine mögliche Verhandlung über eine gemeinsame Regierung. Aber er hatte die Perversion der heranrückenden Macht weit unterschätzt. Nachdem er zusammen mit einigen anderen Regierungsvertretern den Roten Khmer gegenübertrat, wurde er umgehend exekutiert. Keiner aus dem prowestlichen Regime, der nicht floh, blieb am Leben. Als die Roten Khmer Phnom Penh einnahmen, wurde die Stadt vollkommen geleert. Die einfachen Menschen wurden aufs Land zur Zwangsarbeit umgesiedelt. Beamte und Politiker wurden aufgefordert, sich an bestimmten Regierungsgebäuden zu melden, um an dem neuen Staat mitzuwirken. Diejenigen, die naiverweise diesem Aufruf folgten, hatten ihr Todesurteil unterschrieben. Alle Beamten, Politiker, Ärzte, Lehrer und Intellektuellen im Land wurden ausnahmslos exekutiert. Das war erklärte Politik der Roten Khmer.
Nach diesem nachdenklichen Gespräch holte mich die Hitze und Erschöpfung in die Gegenwart zurück. Mit dem Ausladen der Lebensmittel und dem Abgang mancher Passagiere gab es nach einigen Stunden zwar endlich etwas mehr Platz, aber trotzdem zog ich es vor, zwei Stunden im Heck neben dem ohrenbetäubenden, hitzestrahlenden Bootsmotor zu sitzen, wo man etwas für sich war.
Ich war froh, als der Fluß sich schließlich zu einer breiten Wasserstraße erweiterte und die baldige Mündung in den Tonle Sap endlich in den Bereich des Möglichen rückte. Am Ufer konnte man jetzt immer wieder Bambuskrähne sehen, die dem Verladen von schweren Lasten dienen. Diese Konstruktionen sind typisch für die Region im Westen.


Dann, endlich, öffnete sich der Fluß zu einer Mündung und wir waren auf dem Tonle Sap. Wasser bis zum Horizont. Jetzt fuhren wir noch eine gute Stunde über den See, immerhin mit Höchstgeschwindigkeit, und dementsprechend Höchstlautstärke. Danach kamen wir an einem stinkenden, schwimmenden Dorf am Nordufer an und durften nach über 7 Stunden wieder einen Fuß auf festen Boden setzen. Die Erleichterung währte aber nicht lang, denn schon war man von hunderten TukTuk Fahrern umringt, die einen alle das letzte Stück nach Siem Reap bringen wollten.
Aber Tourismuslogistik und Kommunikation entpuppten sich als auf dem höchstem Stand. Denn nach kurzem Umschauen sahen wir einen Mann in der Menge, der offenbar schon auf uns gewartet hatte.

Donnerstag, 12. Juli 2007

Battambang und der Garten Eden

Battambang ist die drittgrößte Stadt des Landes, wirkt aber trotzdem nur wie eine Kleinstadt. Kein Haus hat mehr als vier Stockwerke, außerhalb des Zentrums bestimmen Holzhütten das Stadtbild und in wenigen Minuten ist man in der atemberaubenden Landschaft dieser westlichen Provinz. Es gibt so gut wie kene Touristen, dafür aber umso mehr UN-Fahrzeuge und andere NGOs. Die Weißen, die in den kleinen Cafés ihren Eistee schlürfen, gehören alle einer Organisation an.
Am morgen nach der Ankunft besorgte ich mir und Katie (eine Kanadierin die ich an der Grenze kennengelernt hatte) zwei Mopedfahrer, die uns auf eine Tour in die Umgebung nehmen sollten. Fünf Schritte vom Hoteleingang fanden wir sie schon: Zwei nette, redselige Kambodschaner, die uns für 7$ einen halben Tag auf ihrem Zweirad das Land zeigen wollten.
Sobald wir die Stadtgrenze verlassen hatten verwandelte sich die befestigte Straße in ein Schlammbad. Mehrere Mal war ich sicher, dass wir im nächsten Moment auf der Straße liegen würden. Aber die Fahrer waren gewöhnt an diese nassen Bedingungen und beförderten uns langsam, aber unverdreckt, auch unter Zuhilfenahme der Füße, über die Fahrbahn.

Unser erstes Ziel war eine kleine Tempelanlage auf einem Berg. Berge sind etwas ganz besonderes in der flachen Landschaft und das eigentliche Highlight war der Ausblick, den man von der Erhöhung über die scheinbar endlosen Ebenen aus Reisfeldern und Palmen hatte. Mitten darin standen einzelne, symetrische Hügel, die fast künstlich aussahen, aber dennoch eine Laune der Natur sind.
Am Fuß des Tempelberges setzten uns die Fahrer in einer kleinen Ansiedlung ab, wo wir bei Familien Erfrischungsgetränke kaufen konnten und einen kleinen Guide zugeteilt bekamen. Ein 10-jähriger Junge aus dem Dorf begleitete uns auf dem Weg zum Gipfel. Mühelos und zügig stieg er den Berg hinauf und zeigte uns den Weg. Die zwei Bleichgesichter krochen ächzend und schwitzend in der erbarmungslosen Hitze hinterher.

Der Gipfel war ein friedlicher Ort. Außer einigen Mönchen, die meditierten oder scheu um die Ecken blickten, war keine Menschenseele da. Unser kleiner Guide führte uns in eine Grotte, wo ein Schrein mit den Gebeinen verstorbener Mönche und einer liegenden Buddhastatue errichtet wurde. Anschließend zeigte er uns einen Aussichtspunkt mit fünf weiteren Buddhas. Dort hatte es sich allerdings eine Kuh liegenderweise bequem gemacht. Mit einem gekonnten Tritt auf die Hufe beförderte der Junge das Tier in die aufrechte Position und verscheuchte es von seinem Ruheort. Als ich ihm erklärte, dass er für uns doch nicht die Kuh um ihren Mittagsschlaf bringen muss, schaute er mich fragend an, lief ihr dann hinterher und zog sie wieder zurück.

Nachdem wir den Abstieg hinter uns hatten, war ich total verschwitzt und konnte aus meinem Tshirt eine Suppe kochen. Da ich dummerweise ein Ersatzshirt vergessen hatte, fragte ich die Familie unseres Guides um ein gewaschenes ScondHand-Shirt und wedelte mit einer Dollarnote. Das war scheinbar urkomisch, dann die nächsten 2 Minuten lachten alle pausenlos. Irgendwann ging dann aber eine der Frauen in die Hütte und kam mit einem duftenden, frisch gewaschenen Tshirt zurück. Der Kauf war abgewickelt.
Anschließend unterhielten wir uns noch ein bisschen mit der Familie, mit Hilfe unserer Fahrer als Übersetzer. Wir erfuhren von den Erwachsenen, dass der Kleine seine Eltern verloren hatte und sie nur Bekannte waren, die ihn aufgenommen hatten. Sein Job war jetzt, ab und an Leute auf den Berg zu führen. Em Ende stecken wir dem Kleinen ein etwas Geld zu und verabschiedeten uns.

Danach ging es erst einmal eine halbe Stunde durch eine der schönsten Landschaften, die mir meine Reise bislang geboten hatte. Nach dem Tempelberg fuhren wir über kleine Wege durch Reisfelder, die bei Sonnenlicht in einem Grün leuchteten, wie ich es noch nie gesehen habe. Immer wieder klopfte ich meinem Fahrer auf die Schulter und bat ihn anzuhalten, weil ich den Anblick genießen wollte und Bilder machen musste. Es war eine ländliche Idylle wie man sie in Europa wohl kaum mehr antreffen wird. Bauern, nur mit Shorts bekleidet, standen bis zu den Knien in ihrem Reisfeld und gingen ihrer Arbeit nach. Manchmal halfen Ochsengespanne bei der Bewirtschaftung. Alles bewegte sich langsam und gemächlich, es gab keine Hektik und keinen Lärm.

Anschließend kamen wir zu einen Tempel aus dem Khmerzeitalter, die zwischen dem 8. und 13. Jahrhdt. als Hochkultur das heutige Kambodscha beherrschten. Ein kleiner Vorgeschmack auf das Wetkulturerbe von Angkor. 300 Stufen trennten uns von dem Tempel, von woaus man abermals einen tollen Blick über das Land hatte.
Wieder bot sich uns ein kleiner Führer an, der erstaunlich gutes Englisch sprach. Er war in jedem Sinn professioneller als sein Vorgänger. Er trug unser Wasser, fächerte uns beim Aufstieg Luft zu, erzählte über die geschichtlichen Ereignisse rund um diesen Tempel und feilschte am Ende auch wie ein Erwachsener um den Preis seiner Dienste.
Rund um diesen Tempel haben sich in den 90er Jahren verschanzte Rote Khmer und Regierungstruppen im Tal schwere Gefechte geliefert haben. Pol Pot höchstpersönlich hat zeitweise von dieser strategischen Position aus seinen Guerillakampf geführt. Schusseinschläge in dem alten Gemäumer zeugen von der Auseinandersetzung. Wie so oft auch in Angkor sind die Gesichter vieler Statuen und viele der prächtigen Wandverzierungen geplündert worden und stehen jetzt wohl in den Wohnzimmern der Reichen dieser Welt.


Auf dem Rückweg machten wir noch einmal Halt an einer prächtigen Pagode. In den angrenzenden Bäumen hatte es sich eine Schar von Fledermäusen bequem gemacht.

Als wir dann wieder die Stadtgrenzen Battambangs erreichten und ins Zentrum vorstießen, zeigte sich noch einmal der Charme des Landes in Momentaufnahmen: