Montag, 24. September 2007

Wunderwelt Angkor

Anm.: Da ich während meiner Reise nicht mehr mit dem Schreiben hinterhergekommen bin, möchte ich jetzt noch die Ereignisse komplettieren und von zuhause aus über die letzten Wochen in Asien berichten...

Der Tuktuk-Fahrer, der am nördlichen Ufer des Tonle Sap auf mich und meine kanadische Begleiterin wartete, fuhr uns die restlichen 20km nach Siem Reap. Am Rand der staubigen Zufahrtsstraße reihten sich unzählige Holzverschläge auf, in denen Familien ihr kärgliches Dasein fristen und auf ihren Anteil am explodierenden Tourismusgeschäft hoffen.
Siem Reap sitzt auf einer Entwicklungszeitbombe. Der Ort um die Ruinenstätten von Angkor hat sich in den letzten 20 Jahren von einer unbedeutenden Provinzhauptstadt zu einer Hotelstadt mit beeindruckendem Bevölkerungswachstum entwickelt.
Die Nachteile dieses Entwicklungsschocks wurden mir gleich nach der Ankunft in unserem "Prince Mekong Guesthouse" bewusst. Die kleine Anlage wurde von einem abgetakelten Aussteiger aus der Schweiz geführt, der die letzten 30 Jahre in Kambodscha verbracht hatte, und sich liebvoll um die Einrichtung des kleinen Restaurants und den Garten seines Start-ups kümmerte. Nachdem wir ungefähr 8 Stunden auf dem Boot verbracht hatten und noch mal knapp eine Stunde auf der vertrockneten Straße durch die Hitze in die Stadt gefahren sind, wollte ich bei der Ankunft nur noch unter die Dusche. Das Wasser war aber nicht mehr als eine metallisch riechende, bräunliche Brühe, die am Körper einen wenig beruhigenden Juckreiz hinterließ. Ich traute mich nicht, mein Gesicht damit zu waschen, und benutzte deshalb für die nächsten 3 Tage abgefülltes Trinkwasser aus Entsalzungsanlagen vermutlich thailändischer Herkunft. Aufbereitungsanlagen und andere Infrastruktur konnten mit diesem Entwicklungsboom einfach nicht mithalten.

Am nächsten morgen machten wir uns dann auf zur ersten einer insgesamt dreitägigen Erkundungstour der Tempelanalgen, deren erste Ausläufer nur fünf Kilometer entfernt lagen. Enthusiastisch schwangen wir uns an diesem ersten Tag auf zwei Mieträder, die es bei "King Mekong" zu leihen gab, und strampelten durch die Stadt und anschließend auf der großen Zufahrtsallee in Richtung Angkor.
Das Wetter war unerbittlich. Statt des schon länger erwarteten Beginns der Regenzeit, der kühlende Wolken über das Land schieben würde, knallte die Sonne jetzt schon wochenlang mit aller Kraft auf die Erde. Und das tat sie auch in Agnkor. Die schönen Tempelbilder konnten so nur unter größten Anstrengungen und Entbehrungen entstehen ;-)
An einem der zahlreichen Eingänge kauften wir ein Dreitagesticket. Wenn man aber bei einer Kontrolle innerhalb des Areals als Tourist ohne Ticket erwischt wird, blüht einem eine saftige Geldstrafe, oder eine mit etwas Glück weniger teuere Bestechung. Man darf sich Angkor nicht wie ein fest umzäuntes Gebiet vorstellen, sondern eher wie bei uns ein Landkreis, der frei zugänglich ist. Denn innerhalb dieser riesigen Kulturlandschaft trifft man immer wieder auch auf ländliche Routine, auf Bauern die auf ihren Feldern arbeiten, auf weidende Büffelherden. Angkor ist für das normale Leben nicht gesperrt, wie etwa der "englische Garten". Es ist ein Nebeneinander von geschützten Kulturgütern und privaten Existenzen. Diese Symbiose, die wahrscheinlich keine ist, hat mir sehr gut gefallen, weil sie authentisch ist. Angkor wird so hoffentlich nie den künstlichen "Charme" eines Disneylands haben, zumal dieser Vergleich schon von vornherein hinkt.
Am erstenTag nahmen wir uns mit den Fahrrädern den sogenannten "inneren Ring" vor, der über 20km durch das Zentrum Angkors führt. Als erstes führt der Weg (wenn man Angkor Wat links liegen lässt und sich für den letzten Tag aufhebt) über eine prächtige Zufahrtsbrücke nach Angkor Tom, die größte noch erhaltene, zusammenhängende Tempelanlage. Hier kamen jetzt wieder unsere Fahrräder ins Spiel. Was die meisten Touris (die dank off season glücklicherweise ohnehin recht spärlich vertreten waren) nicht wussten, ist, dass man mit den Rädern oben auf der alten Mauer entlangfahren kann. So umrundeten wir die Anlage zu zwei Dritteln, nahmen uns dann das Innere vor und zogen schließlich weiter im inneren Ring zu den zahlreichen weiteren Tempeln, darunter der "Tomb Raider Tempel". Am besten ich lasse mal die Bilder sprechen.







In Erinnerung an die auslaugende Fahrradfahrt ließen wir die Räder am zweiten Tag links liegen und ließen uns vom Rikschafahrer den "äußeren Ring" entlangfahren, der gut 40 km und einige weiter entfernte Tempel abdeckt. Das Spannende an dieser Tour war das schon oben erwähnte Nebenher von alten Kulturstätten und einfachem Landleben. Auf dem Weg zu den Tempeln durchquerten wir Felder und kleine Dörfer.
Einer der Tempel war von einem hübschen Wassergraben umgeben, auf dem Lotusblüten schwammen und zu dem sich Bäume herunterstreckten. Neben dem Tempel unter ein paar schattigen Bäumen spielte eine Gruppe von Minenopfern schöne, kambodschanische Musik auf traditionellen Instrumenten. Ich setze mich eine Viertel Stunde zu ihnen, entspannte bei der Musik, und warf ihnen anschließend zwei Dollar in den Korb, die sie überaus dankbar entgegennahmen.


Der Nachteil der geringen Touristenzahl zu dieser Jahreszeit ist das groteske Auseinanderklaffen von Angebot und Nachfrage bei Erfrischungsgetränken, Snacks und anderen Dienstleistungen. An jedem einzelnen Tempel sitzen mindestens fünf Verkäufer und Verkäuferinnen - meist sind es ganze Familien - die vor einer Hütte gekühlte Getränke, Postkarten und T-Shirts anbieten. Bei dem geringen Touristenaufkommen ist ihre Existenz bedroht, und so wird man schon aus mehreren hundert Metern winkend und rufend zum Kauf aufgefordert: "Sir, Miss, cold drinks, please buy..." Diese Angebote waren immer und überall, als ich mich in Angkor bewegte, manchmal war es verdammt anstrengend, aber ich konnte den armen Leuten eigentlich nicht böse sein. Oft war man in einem regelrechten moralischen Konflikt, wenn einem drei oder mehr Frauen an verschiedenen Ständen exakt die selbe Coladose hinhielten und man sich für eine entscheiden musste. Kinder ab sechs Jahren verfolgten einen überallhin, in der Hoffnung ein paar Postkarten zu verkaufen. Erst an den Eingängen zu den Tempeln wurden die Kleinen dann ziemlich rauh von den Tempelwächtern zurückgepfiffen.
Auf der Spitze eines großen Tempels traf ich einen kleinen Jungen, der nicht nur extrem gutes Englisch sprach. Als ich ihm sagte dass ich aus Deutschland kam, nannte er mir auf Knopfdruck unsere Hauptstadt und die genaue Einwohnerzahl Deutschlands. Außerdem konnte er einige englische Sätze perfekt ins Deutsche übersetzen. Ein bemerkenswert, intelligenter junge, aus dem sicher viel werden könnte, wenn er die richtige Föderung bekommen konnte. Leider war er und seine Familie bettelarm. Er erzählte mir, dass seine Mutter schon lange sehr krank ist, und die Familie gerade auf Geld spart, um Medizin kaufen zu können. Alles was er hier mit Postkarten und kleinen Souvenirs verdient, bringt er heim zu seiner Familie. Es war eine denkenswerter Augenblick, als ich mit dem kleinen Jungen, dar keine Kindheit hatte, an der Spitze des Tempels saß, der Wind leicht um das alte Gemäuer pfiff und wir uns beim Blick über die weite Ebene unter uns über sein Leben unterhielten.



Auf dem Rückweg von den entfernten Tempeln hielten wir am 'landmine musuem'. Dieses Museum ist die Privatinitiative eines Mannes, der versucht, seine Vergangenheit aufzuarbeiten und die Narben seines Lebens zu heilen. Im jungen Alter wurde Aki Ra zum Kindersoldaten der Roten Khmer. Er wurde dazu ausgebildet Antipersonenminen herzustellen und zu legen, und tat dies auch jahrelang, bis das Terrorregime vertrieben wurde. Jetzt, wo er ein junger Mann ist, hat er sich zur Lebensaufgabe gemacht gegen die schlimmste Altlast seines Landes zu kämpfen. Er enschärft seit Jahren tausende Minen, die u.a. er selbst in seiner Kindheit gelegt hat. Das Museum zeigt seine Arbeit, sein Leben, seine Philosophie und wird geführt von Menschen, die selbst Opfer von Minen geworden sind - auch heute noch eine viel zu große Anzahl in Kambodscha. Oft sind es Kinder, die beim Spielen ihr Leben oder ihre Gliedmaßen verlieren. Mit einem dieser Jungen unterhielt ich mich im Museum. Ein weiteres Mal fiel mir auf, wie unerschüterlich die Menschen in diesem Land trotz größter Armut, Krankheit und Leid ihre Würde bewahren.
Anschließend brachte uns unser Tuktukfahrer zu einem Schießstand in der staubigen Landschaft, wo an einer Mauer Feuerwaffen jeder Größe hingen und auf Bildern grinsende Westler schussbereit mit Bazookas posierten. Nach dem Eindruck des landmine museums winkten mir ab, und ließen uns wieder fortbringen.


Der dritte Tag in Angkor brach an und er sollte noch einige Highlights bereit halten. Zunächst durfte ich einen wenig besuchten, aber traumhaften Tempel besuchen, der im Indiana Jones Stil verlassen, aber noch gut erhalten mitten im Wald liegt und auf seine Erkundung wartet. Hier war niemand sonst zu sehen und ich konnte mich durch die halb zerfallenen Gänge schlagen, Gärten erforschen und die Anlage durch unwegsames Gelände umrunden. Den Eingänge des Hauptgebäudes waren von kopflosen Steinskulpturen bewacht. Die Szenerie war filmreif, weckte Erinnerungen an bekannte Abenteuerfilme und war gleichzeitig eine ruhige, sonnendurchströmte Augenweide.



Danach ging es zum ersten Mal zu einem Bauwerk, das nicht der Unterbringung von Menschen, sondern rein mystischen Zwecken diente. Es war ein großer Platz mit einem Turm in der Mitte. Darum war eine Mauer mit vier kleineren Türmen gezogen, die alle auf die Mitte ausgerichtet waren. In den vier kleinen Türmen standen Skulpturen, die die vier grundlegenden Elemente symbolisierten. Ein Menschenkopf für Erde, ein Pferd für Luft, ein Elefant für Wasser und ein Drache für Feuer. Alle vier Türme bündeln die Energie der Elemente auf den großen Turm in der Mitte. Ich befand mich auf einem Zeromoniealtar, der für die Heilung der Kranken verwendet wurde.
So ging es weiter und weiter, über riesige Flächen zu einer Vielzahl faszinierender Tempelanlage. Und trotzdem hatte ich nur einen Bruchteil von allen gesehen. Angkor gibt auch nach drei Tagen lang nicht all seine Geheimnisse preis.
Das bekannteste aller Monumente hob ich mir fürs Ende auf. Am dritten Tag machte ich mich auf, nach Angkor Wat.